Geschichte des Übersetzens

In der Sprachwissenschaft wird Übersetzung entweder als die Übertragung eines Textes von einer Ausgangssprache in eine Zielsprache oder als das Ergebnis dieses Vorganges.
Übersetzung und Dolmetschen fallen gemeinsam unter den Begriff Sprach- und Kulturmittlung. Der Hauptunterschied zwischen Übersetzen und Dolmetschen ist, dass beim Übersetzen der Ausgangstext fest ist und daher konsultiert werden kann; beim Dolmetschen dagegen ist der Ausgangstext nicht fest weil in der Regel mündlich.

Die Entstehung der Sprache vor ca. 100.000 Jahren und die Entstehung der Schrift vor zirka 5.000 Jahren bilden die Grundlage für die Evolution des Übersetzens. Die alten Übersetzungen dienen als Orientierungspunkte im Verlauf der Geschichte. Über das Übersetzen in den Zivilisationen außerhalb Europas ist bisher sehr wenig bekannt. Die Geschichte des Dolmetschens, mit großer Sicherheit älter als die des Übersetzens, ist noch wenig erforscht.
Die Septuaginta, eine Übersetzung des Alten Testaments aus dem Hebräischen in die griechische Sprache, entstand 247 v. Chr. Der Stein von Rosette wird etwa auf 196 v. Chr. datiert, es besteht aus einer Inschrift, ein priesterliches Dekret, in zwei Sprachen und drei Schriften. Dieser Stein half die Hieroglyphen zu entschlüsseln.

Oft haben Übersetzungen eine zentrale Rolle gespielt bei der Übertragung von Wissen zwischen verschiedenen Völkern und Kulturen. Es kam dabei manchmal zu Häufungen von Übersetzungen zwischen verschiedenen Sprachen. Diese Konzentrationen dienen heute dazu historische Wissensströme zu untersuchen. Das Rom der Antike war ein Zentrum der Übersetzungstätigkeit, dort wurde hauptsächlich die griechische Literatur ins Lateinische übersetzt. Heute sind uns immer noch theoretische Schriften aus dieser Zeit erhalten, über Literatur und Redekunst, die sich mit der Polemik über wortgetreues oder freies Übersetzen beschäftigen.

Hieronymus, eine wichtige Figur in der Übersetzungsgeschichte, die heute als Schutzheiliger der Übersetzer gilt, wurde vom damaligen Papst beauftragt, eine Übersetzung der Bibel aus dem Griechischen ins Lateinische zu verfassen. Etwas später übernahm er die Übersetzung des Alten Testamentes neu aus dem Hebräischen. Seine Übersetzung der Bibel, die Vulgata, blieb lange der maßgebende Text für alle Katholiken.

Später, im 9. und 10. Jahrhundert entstand in Bagdad ein weiteres Zentrum der Übersetzungstätigkeit. Es wurden vor allem wissenschaftliche Werke aus dem Griechischen ins Arabische übersetzt. Die Übersetzungen würden für die Entwicklung der Wissenschaft im Europa des Mittelalters sehr wichtig sein, sie bildeten nämlich die Grundlage für ein weiteres Übersetzungszentrum, die Schule von Toledo. Dort wurden im 12. und 13. Jahrhundert arabische Texte, die anfangs auf Griechisch oder Arabisch geschrieben wurden, ins Lateinische und später ins Spanische übersetzt.

Die Renaissance markiert mit dem Interesse an den Texten die in der Antike geschrieben wurden einen Aufschwung der Übersetzertätigkeit, die mit der verstärkten schriftlichen Wissensverbreitung durch die Evolution des Buchdrucks bis in die Reformationszeit andauerte. Luther, sicherlich der bekannteste Reformator, war der Auffassung, dass die Bibel mit den Mitteln der deutschen Sprache ausgedrückt werden sollte, damit es für jeden verständlich wurde. Seine Übersetzung der Bibel war für die Entwicklung und für die Standardisierung der deutschen Sprache von maßgeblicher Bedeutung.

Die Romantik wurde auch eine zentrale Epoche für die Übersetzung im deutschsprachigen Raum. Die literarische Übersetzungen ins Deutsche aus anderen europäischen Sprachen war von großer Bedeutung. Viele Intellektuelle beschäftigten sich zu jener Zeit auch theoretisch mit dem Übersetzen.

Im 20. Jahrhundert hat dank des Ausbaus der weltweiten Wirtschaftsbeziehungen ein riesen Wachstum stattgefunden, vor allem der Fachübersetzung. Auch erfolgte eine zunehmende wissenschaftliche Theoriebildung, die Gründung von Ausbildungsstätten für Übersetzer und Dolmetscher sowie ihre Organisation in Berufsverbänden.

Die ältere übersetzungswissenschaftliche Theorien neigen zu der Auffassung, dass der Übersetzer möglichst alle Aspekte eines Ausgangstextes gleichermaßen berücksichtigen sollte. Die neuen Ansätze der Übersetzungswissenschaft sind der Meinung stattdessen, dass die unterschiedlichen Aspekte des Ausgangstextes verschiedene Prioritäten haben müssen, damit die Übersetzung die Anforderungen des Lesers erfüllt.